Halloween

Invasive Arten werden von Naturschützern kritisch beäugt. Die Wollhandkrabbe, der Waschbär oder die asiatische Wespe machen dem heimischen Ökosystem zu schaffen. Invasive Arten sind Tiere oder Pflanzen, die aus einem anderen Umfeld stammen und in die heimische Natur eingewandert sind oder dort eingebracht wurden. Da ihnen häufig natürliche Feinde fehlen, neigen sie dazu, sich schnell auszubreiten und bedrohen den Bestand heimischer Arten, denen sie als Fressfeinde oder Nahrungskonkurrenten begegnen. Neben solchen biologischen Invasoren gibt es kulturelle, Bräuche und Traditionen, die in fremden Kulturräumen Wurzeln schlagen. In einer globalisierten Welt ist das kein Wunder. Religiöse und ethnische Gruppen bringen ihre Kultur in ihre neue Heimat ein. Das ist die weitgehend unbedenkliche Variante. Die hier eingeführten Praktiken haben einen „Sitz im Leben“. Sie sind an Menschen zurückgebunden, die sie verstehen und pflegen. Es gibt aber auch aggressive invasive Traditionen. Sie verbreiten sich als Moden über Film und Internet. So heiraten chinesische Bräute mittlerweile meistens in Weiß, bewerfen sich europäische Jugendliche wie beim indischen Holi-Fest mit Farbpulver, werden in den USA Oktoberfeste nach Münchner Vorbild gefeiert, Kirchblütenfeste in Norddeutschland, in Tel Aviv wird im Winter ein riesiger Weihnachtsbaum aufgestellt und in Pakistan verkauft man Weihnachtsmannartikel. Bei den hier genannten Phänomenen handelt es sich um globalisierte Zitate lokaler Traditionen. Hier haben sich Zeichen und Bräuche aus ihrem gesellschaftlichen und häufig auch religiösen Kontext gelöst und sind zu Markenartikeln geworden. Dies ist nichts Neues. Schon die Römer waren Meister der Adaption und Umdeutung fremder Festinhalte, Religionen und Bräuche. In einer globalisierten Kultur wird es immer invasive Traditionen geben. Man kann immer nur hoffen, dass es auf Dauer auch noch Menschen gibt, die sie wirklich verstehen und erklären können.

Bei einem maximalinvasiven Brauch haben wir es in Deutschland offenbar beim Thema „Halloween“ zu tun. Es ist zumindest außergewöhnlich, wie die amerikanische Variante dieses Festes innerhalb kurzer Zeit extreme Verbreitung gefunden hat. Ich selbst hatte mit „Halloween“ zuerst bei der Lektüre der „Peanuts“ Kontakt, bei denen ich das Reden Charlie Browns vom „großen Kürbis“ wegen kultureller Unwissenheit nicht verstand. Mittlerweile, ein paar Jahre später, gilt unter den Kindern fast schon als Außenseiter, wer sich am 31. Oktober nicht verkleidet auf die Straße begibt. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, wenn Kindergärten das Fest feiern. Letztes Jahr wurde ich beim Bäcker von mit bluteitrigen Wunden geschminkten Verkäuferinnen bedient und gummimaskenbewehrte erwachsene Männern im Polyesterumhang versuchten, mich bei hellichtem Tag zu erschrecken. Was ist da los? Vor allem: Was ist dieses Halloween eigentlich? Ein Spaß, würden die meisten sagen, irgendetwas mit Grusel und Horror, ein Fest zum Verkleiden und zum Party-Machen. Ich habe nichts gegen fröhliche Feste. Gerade norddeutsche Kinder haben aufgrund der fehlenden Karnevalstradition einen gewissen berechtigten Nachholbedarf darin, sich zu kostümieren. Auch das Süßigkeiten-Einsammeln an den Haustüren (heute in Zeiten des allgemeinen Zuckeralarms bedenklich) hat ja durchaus Tradition. Und wenn Menschen gerne Gruselpartys veranstalten, meinetwegen – ich muss ja nicht mehr mitmachen. Es gibt allerdings kleine Haken an der ganzen Sache. Zum einen neigt Halloween als invasive Tradition massiv dazu, heimische Bräuche zu verdrängen. Das betrifft natürlich den in ganz Norddeutschland wieder als gesetzlichen Feiertag eingeführten Reformationstag, der sich allerdings wegen seine etwas spröden Inhalts im Brauchtum nie so richtig etablieren konnte. Außerdem verdrängt das „trick or treat“ an den Türen das traditionelle Martinssingen („Matten Herrn“) am 11. November oder das sogenannte Rummelpottlaufen am Silvesterabend, an dem ebenfalls verkleidete Kinder von Tür zu Tür zogen (die letzte Rummelpottgruppe habe ich, glaube ich, 1986 erlebt…).

Aus diesen Gründen wenden sich die Kirchen mit einem gewissen anlassgerechten Gruseln von der aufkommenden Halloweenbegeisterung ab. Das hedonistische Treiben ausgelassener Kinderbanden verdient aus der Sicht des Pädagogen vielleicht eine kritische Betrachtung, aus der Sicht des Theologen könnte zudem die beschworene Schar von dämonischen Figuren wie Zombies, Hexen, Mumien und Gruselclowns Argwohn erregen. Handelt es sich bei Halloween um eine Art amerikanische Walpurgisnacht, von welcher man sagt, dass auch sie als neues Partyevent durchaus wieder einen Aufschwung erlebt. Der Versuch der sittlichen Eindämmung volkstümlicher Bräuche ist eigentlich immer schief gegangen. Die Lust an der gegenkulturellen Untergrabung der gesellschaftlichen Konventionen und Werte in ausufernden Festivitäten war meist stärker. Das Christentum hat gute Erfahrungen damit gemacht, Bräuche und Traditionen zu adaptieren. Das wurde mir einmal stilvoll klar, als ich im Rheinland erlebte, mit welcher Selbstverständlichkeit die Karnevalsgesellschaften in voller Montur zur Karnevalsmesse in die Kirche kamen.

Bei Halloween sollte uns die christliche Adaption eigentlich weniger schwer fallen, als es zunächst scheint. Im Grunde handelt es sich bei ihm aus europäischer Perspektive um einen Re-Import. Das Fest hat seine Ursprünge in Irland, wo sich die Familien und Dorfgemeinschaften im Gedenken an die Toten am „All Hallows Eve“ („Abend vor Allerheiligen“) zu fröhlichen Festen am Feuer versammelten. Es ist nicht ganz klar, ob es bereits keltische Feiern gab, die an die Toten und die Totengeister erinnerten, welche dann christlich übernommen und überformt wurden. Das spielt eigentlich auch keine große Rolle. Die Entstehung von Traditionen kann man schlecht monokausal erklären. Wahrscheinlich haben sich bei Halloween verschiedene Dinge vermischt: Das Denken an die Verstorbenen, die Austreibung böser Geister, abergläubische, volkstümliche und religiöse Erzählungen. Die Iren, die das Fest nach Amerika brachten, erlebten im Laufe der Jahrhunderte eine zunehmende Verwandlung von Halloween in ein rein weltliches Fest, dies vielleicht auch, weil der Allerheiligentag in der überwiegend protestantischen Tradition der vereinigten Staaten keine große Rolle spielte. Statt der Toten stehen nun die Geister im Vordergrund und in Zeiten medialer Bildwerten sind dies hollywoodeske Meuchelmörder, Ungeheuer oder Zauberwesen. Der Tod hat sich vor allem in Dekoration erhalten, in denen Knochen, Skelette oder Särge eine entscheidende Rolle spielen.

Das bekannteste Pendant zu Halloween ist die mexikanische „fiesta de los muertos“, die ebenfalls am Allerheiligenvorabend beginnt und bis zum Allerseelentag andauert (brilliant übrigens im letzten James-Bond-Film in Szene gesetzt). Hier wird das kirchliche Totengedenken ganz einfach von einem weltlichen Fest umrahmt, das wiederum von kulturell älteren Praktiken der Beschwörung der Totengeister beeinflusst sein mag. Mexikaner laden in diesen Tagen unter der poppig-bunten Dekoration glitzernder Totenschädel die Familie ein und nehmen symbolisch die Toten in ihre Festgemeinschaft auf. Was angesichts der ausgestellten Skelette und Schädel für einen Europäer makaber wirkt, folgt eigentlich einem sehr schönen Leitgedanken. Da wir es meist gewohnt sind, bei „Totengedenken“ an trübe, ernste, schwarzumflorte Feierstunden auf zugigen Friedhöfen zu denken, steht uns die heitere Form des gleichen Anlasses befremdlich gegenüber. Es muss aber nicht so sein. Die Tradition der Grablichter, die zu Allerheiligen und Allerseelen angezündet werden, folgen der gleichen Idee – Die Toten wieder in unsere Mitte aufzunehmen, ihnen ihren Platz in unseren Familien wiederzugeben. Warum sollte dies nicht auch mit einem fröhlichen Fest in der Familie verbunden sein dürfen?

Damit ist ein Hinweis zum Umgang mit dem Halloween-Fest gegeben – es wieder stärker auf seinen Ursprung, den Totenkult hin zu verstehen. Was allerdings sollen wir nun mit den Geistern und Hexen anfangen? Abgesehen davon, dass es auch heute noch in Deutschland Rest von apotropäischen („das Böse abweisenden“) Riten gibt, das norddeutsche Biikebrennen oder die schwäbisch-alemannische Fastnacht, wäre es tatsächlich falsch, sich religiös im Sinne einer Dämonen-, Geister- oder Hexengläubigkeit zu engagieren. Die Abweisung des Bösen allerdings, dessen archaische Manifestationen in den genannten Gestalten zum Ausdruck kommt, gehört jedoch zum Kernbestand christlicher Lehre. So werden die Taufbewerber aufgefordert, zuerst dem Bösen abzusagen und dann den Glauben zu bekennen. In der frühen Kirche war es üblich, dass sie sich dabei umwandten und in Richtung Westen widersagten, um sich in Richtung Osten zu bekennen. Diese symbolisch dargestellte „Umkehr“ ist eine der zentralen biblischen Forderungen. Insofern passt der Gedanke der Absage an das Böse sehr gut an den Abend vor Allerheiligen. Schließlich ist das Gedächtnis der Heiligen eine Erinnerung an das Zielbild eines gelingenden Lebens aus dem Glauben, an die Überwindung der Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit durch die Gnade Gottes (dies ist übrigens die zentrale theologische Einsicht Luthers und Ursprungsgedanke der Reformation). Symbolisch spiegeln gerade bedeutende Heiligenerzählung genau diesen Moment der Umkehr wieder: Franziskus, der seinem Vater seine Kleider zu Füßen legt, um das alte Leben abzulegen und ein neues, gottbegeistertes zu beginnen; Christopherus, der den Teufel als Dienstherrn verlässt, weil er nach der höheren Macht Gottes sucht; Augustinus, der sich durch ein Bibelzitat komplett neu erfindet usw. Die Absage an das Alte, die Entscheidung gegen das Böse und der Ruf zur Heiligkeit im Sinne eines neuen Lebens gehören zusammen.

Insofern könnte ich mir vorstellen, das Halloween-Fest in den katholischen Festkalender zu integrieren (natürlich nicht als Grusel- oder Süßigkeitenfest). Der Allerheiligenabend könnte mit dem eigentlichen Festtag und dem Allerseelengedenktag eine Art Triduum bilden. Sein Thema ist die existenzielle Frage des Todes im Licht des christlichen Glaubens. Ein solches „memento mori“ („Gedenke des Sterbens!“) könnte durchaus als Gegengewicht zum gesellschaftlich allgemeinen „depellito mori“ (Verdränge das Sterben) verstandenen werden. Der Vorabend zum Festtag (31.10.) könnte eine gottesdienstlich gefeierte Gewissenserforschung und Neuausrichtung sein. Angesichts der eigenen Sterblichkeit ist es immer wieder notwendig, sein eigenes Leben zu überprüfen und sich von Gott ansprechen zu lassen, eine Entscheidung, einen Vorsatz für die nächste Zeit zu treffen. Der meditierende Hieronymus in der Wüste, der einen Totenschädel in der Hand trägt, ist eines der Urbilder christlicher Einkehr und Besinnung – ein gutes Bild für Halloween. Der Abend einer solchen Neuausrichtung könnte dann abends am Feuer gefeiert werden. Der Allerheiligentag stellt dann die Vollendung des Lebens in der Gnade Gottes am Beispiel der christlichen Zeuginnen und Zeugen vor Augen. Sie sind als Fürsprecher Wegbegleiter zu einem gelingenden Leben. Der Allerseelentag dient dem Gebet und dem Gedächtnis für die Verstorbenen. Sie sollen in unserer Mitte weiter zugegen sein. Es wäre eigentlich schön, wenn man zumindest zu diesem Tag das familiäre Fest zum Gedächtnis der Toten wieder mehr beleben könnte, verbunden mit einem Gang zu den Gräbern.

Die Ausbreitung des Halloween-Festes ist wahrscheinlich nicht aufzuhalten. Es hat sich als invasive Tradition längst in unserem kulturellen Ökosystem etabliert. Diesen Fremdling gut zu integrieren und ihm etwas Sinn wiederzugeben ist eine große Herausforderung, der man wahrscheinlich nicht mit einer Gegenoffensive beikommen wird, sondern mit einer behutsamen Umdeutung und Urbarmachung. Die Chancen stehen dafür, meine ich, gar nicht so schlecht.

2 Kommentare zu „Halloween

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