Weltfremd und inhaltsleer? -Über den schwierigen Weg der Kirche, Teil 2

Große kirchliche Reformbewegungen nehmen selten den Ausgangspunkt im Ruf zu mehr „Äußerlichkeit“, sondern zu mehr „Innerlichkeit“. Die Reformation etwa ist nicht aus einem strukturellen, sondern aus einem geistlich-theologischen Veränderungswillen entsprungen. Luther stand einer Kirche gegenüber, die sich der Welt stark angepasst hatte. Mit dem neuen Denken der Humanisten konnte er wenig anfangen. Seine Lösung bestand in einer „geistlichen“ Wende, in einer vertieften Frömmigkeit und Predigt, die gegen einen veräußerlichten Glauben eine Kernbotschaft des Evangeliums, die Rechtfertigung des Sünders durch das Kreuzesopfer Christi in den Mittelpunkt stellte. Diese Grundbewegung zu mehr Innerlichkeit und mehr Glauben ist bei den großen christlichen Denkern immer wieder zu finden. Ein schönes Beispiel habe ich bei Gregor dem Großen (6. Jahrhundert) gefunden. Er schreibt:

Solange ich in der Beschäftigung mit irdischen Dingen dem Äußeren zugetan war, bin ich dem Hüter des Inneren entglitten. Die meisten Menschen schätzen sich doch ein nach dem, was neben ihnen selbst ist, nicht nach dem, was sie sind. Neben ihnen sind Würden, neben ihnen selbst sind äußere Aufgaben: Und während sie bewachen, was sie neben sich haben, vernachlässigen sie es, sich selbst zu bewachen. […] Das heißt, während ich in den Tätigkeiten der Welt der äußeren Wacht diente, habe ich die Sorge um die innere Wache verloren.[1]

Lesen wir diesen Text wohlwollend als eine Ermahnung zur Achtsamkeit, dann ist er ein dringlicher Apell, äußeres und inneres Tun, also „weltliche Aufgaben“ und „Glauben“ mindestens in ein ausgeglichenes Verhältnis zu bringen. Mein Eindruck ist, dass mit Blick auf die heutige kirchliche Situation genau dieses Verhältnis zugunsten einer regen Betriebsamkeit ins Äußere hinein ins Wanken gekommen ist, während die „innere Wache“ vernachlässigt wird.

Auch dies ist durchaus ein aktuelles Zeitphänomen. Die äußere Machart und Ästhetik schlägt gerne einmal den Inhalt. Es ist zur Mode geworden, spektakuläre Museumsbauten zu besuchen und dabei die jeweils aktuelle Ausstellung als Beiwerk mitzunehmen, oder sich an Netflix-Serien zu erfreuen, die mit technischer Raffinesse und opulenter Ausstattung mehr punkten als mit dem meist ewig gleichen Plot (meist der Aufklärung einer Verschwörung rund um eine brutale Mordserie). Innere Ödnis kann derzeit leicht durch aufregende Ästhetik bemäntelt werden. Gut ist, was gut aussieht. Dabei ist gegen eine gute Ästhetik natürlich nichts zu sagen. Jeder Inhalt sucht nach einem passenden Ausdruck. Zum Problem wird die Fixierung auf die Ästhetik allerdings, wenn sie keinen Inhalt mehr ausdrückt. Man kann dieses Verhältnis gut an der großen ästhetischen Revolution des 20. Jahrhunderts, am Bauhaus ablesen. Dieses vertrat in weiten Teilen auch eine gesellschaftliche Neuorientierung. Das überladene, mit allerlei Zierrat ausgestattete Arbeitszimmer der Gründerzeit repräsentierte vor allem den Status und das Vermögen seines Bewohners. Je größer und kostbarer der Schreibtisch, desto bedeutender derjenige, der hinter ihm saß. Im Bauhaus reduzierte man Dimensionen, Materialien und Verzierungen auf ein Minimum. Innere Bestimmung und äußere Form sollten bestmöglich zusammenpassen.

Das Spiel von „innen“ und „außen“ ist kirchlich zur Zeit äußerst unentschieden. Dabei geht es nicht nur um die Ästhetik. Vielmehr stimmt die äußere Darstellung einer sich häufig gesellschaftlich und städtebaulich noch als „Big Player“ verstehenden Institution mit ihrer inneren Verfasstheit kaum mehr zusammen. Die Zahl der theologischen Fakultäten etwa ist hoch, die Zahl der dort Studierenden von Jahr zu Jahr kleiner. Die Aufmerksamkeit, die gerade die katholische Kirche in den Medien erfährt, steht im Gegensatz zu ihren wirklichen Einflussmöglichkeiten. Große Kirchen wirken am sonntäglichen Gottesdienst häufig wie überdimensionierte Kleider. Sie werden kaum mehr ausgefüllt. Dies gilt sowohl „physisch“ als auch inhaltlich. Spricht man im kirchlichen Kontext von „Aufbrüchen“ ist dies häufig der Anlass zur Produktion von Konzepten und Leitpapieren.

Wie allerdings soll diese Tendenz eingedämmt werden? Wie kommt die Kirche wieder zu mehr Innerlichkeit? Es ist kein Zufall, dass im letzten Jahrzehnt eine bereits für ausgestorben gehaltene Richtung wieder neuen Zulauf fand: Der Traditionalismus. Dieser bot spätestens durch seine scheinbare Rehabilitierung im Pontifikats Benedikts XVI. eine Alternative zu einer häufig als oberflächlich und beliebig wahrgenommenen kirchlichen Gestalt, die seit den 70er Jahren zum vorherrschenden Modell in den Pfarreien und Verbänden geworden war. Traditionalisten orientieren sich am Glaubensleben vergangener Zeiten, vor allem in der Epoche der Päpste von Pius IX. (1846-1878) bis zu Pius XII (gestorben 1958). Das pianische Jahrhundert war das Zeitalter einer straffen päpstlichen Führung der Kirche, in der das kirchliche Leben häufig als Gegenentwurf zu einer „modernistischen“ säkularisierten Umwelt gesehen wurde und ohne Zweifel zu einer Blüte der Frömmigkeit führte. Diese war geprägt durch ein hohes Empfinden für das „Unsichtbare“, Gnadenhafte des Glaubens. Die persönliche Andacht genoss einen hohen Stellenwert. Es war die große Zeit Marienerscheinungen und Wallfahrten, der Herz-Jesu-Frömmigkeit, der Beichte, der strengen Morallehre, der katholischen Verbände und Vereine, der Maiandachten, Rosenkränze, Kreuzwegandachten, genauso wie der katholischen Literatur. Liest man heute Romane von Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider, oder den Lourdes-Roman von Franz Werfel, ist man erstaunt über die „heile Welt“ des Glaubens, die beschrieben wird, vom ungebrochenen Vertrauen in die göttliche Führung und Gnade, von der Ehrfurcht vor dem Heiligen und der Klarheit des moralischen Urteils.

Auf die Spitze trieb dies der niederländische-französische Konvertit Joris-Karl Huysmans in seinem Roman „Die Kathedrale“[2], in dem der Aufenthalt eines Schriftstellers in Chartres Anlass zu langen Reflexionen über die Kirche und das Christentum in seiner idealen Gestalt gibt. Huysmans blickt dabei beständig „hinter die Kulissen“. Die von ihm beobachteten äußeren Zeichen der Frömmigkeit werden beständig auf ihre innere Stimmigkeit befragt. Es ist weniger das Leben der Kirche seiner Zeit, das er bewundert, sondern eher das Wenige, das vom Leben der mittelalterlichen Kirche noch in ihr zu finden ist. Entscheidend ist nicht so sehr die äußere Form als vielmehr die innere Erkenntnis und Frömmigkeit. Der „Held“ des Romans fühlt sich auf der Suche nach seiner wirklichen Berufung hin- und hergerissen. Der Gipfelpunkt der Frömmigkeit scheint ihm das strenge Mönchsleben zu sein, in dem die wahre Form des katholischen Glaubens am besten durch die Moderne hindurch konserviert wurde. Somit ist die private Frömmigkeit durch lange Gebete in der Kirche, Teilnahme an der Liturgie, Reflexion und Rosenkranz im heimischen Zimmer nur ein Übergang hin in eine reine, objektivierte kirchliche Frömmigkeit, in der das Individuum im „Ewigen“ der kirchlichen Tradition verschwindet.

Der Traditionalismus geht im Wesentlichen den gleichen Weg. Er verspricht durch ein „Zurück“ in eine als Blütezeit identifizierte Vergangenheit das Eintreten in einen „entweltlichten“, reinen Glaubensraum, der in seiner strenge Kirchlichkeit die Fragen der heutigen Zeit bereits längst beantwortet hat. Die Kirche gewinnt hier an geistlicher Bedeutung und zugleich an organisatorischer Stärke. Die Traditionalisten sind heute eine kleine, aber deutlich zu hörende Minderheit in der katholischen Kirche. Sie bilden einen Gegenpol zu den häufig medial stark vertretenen liberalen Reformern. Hier stehen sich häufig zugleich auch das Prinzip der „Innerlichkeit“ und der „Entäußerung“ bzw. Politisierung der Kirche gegenüber.  

Wie immer stellt sich die Frage nach einem Mittelweg. Zum einen geht es um einen Ausweg aus der beständigen strukturellen und politischen Verengung des kirchlichen Lebens, zum anderen um die Dynamisierung und Verstärkung des geistlichen Lebens, die den inneren Quellgrund des Glaubens in neuer Weise hervortreten lassen kann. Es geht weniger darum, dass die Kirche durch äußere Maßnahmen attraktiv gemacht wird, also um ein neues „Design“, sondern darum, dass der Glaube und das Evangelium einen zeitgemäßen kirchlichen Ausdruck erhalten. In dieser Richtung ist die Programmatik von Papst Franziskus zu verstehen. Es ist daher bemerkenswert, dass der Papst nicht nur durch seinen Namen, sondern vor allem in seinen Lehrschreiben immer wieder auf die Epoche und die Gestalt des heiligen Franziskus verweist. Die franziskanische Episode wird zu einem neuen geschichtlichen Referenzpunkt für die heutige kirchliche Situation. Vereinfacht gelesen, lebte Franziskus in einer Kirche, die durch ihre eigene Struktur, vor allem auch durch ihre weltliche Macht gefesselt war. Papst Innozenz III., der prägende Papst zu Lebzeiten Franziskus’ galt als der Inbegriff des mittelalterlichen Kirchenfürsten, der zugleich weltlicher Herrscher, als auch geistlicher Fürst war und für eine strukturell starke aber auch erstarrte Kirche stand. In dieser kirchlichen Situation erhält Franz den göttlichen Auftrag, die „Kirche wieder aufzubauen“. Damit war im Rückblick gesehen, ein innerer Aufbau gemeint. Franz dynamisiert seine Form des christlichen Glaubens durch eine unstete, gemeinschaftliche Lebensform, durch eine grenzensprengende Verkündigung (Evangelisierung), durch eine Aufmerksamkeit für den außerkirchlichen Bereich, insbesondere die Schöpfung und den bedingungslosen Einsatz für die Armen und Kranken. Franz ist Sozialarbeiter und Mystiker zugleich, Prediger im Auftrag der Kirche und zugleich einer, der die bisherigen Grenzen kirchlicher Verkündigung immer wieder überschreitet. Innerer Glauben und äußeres Werk, Nachfolge und alternative Lebensform vereinen sich in ihm. Tatsächlich versucht Papst Franziskus, das Charisma des Heiligen von Assisi in die heutige Zeit zu übersetzen. Er fordert eine gewisse Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber ihren eigenen Strukturen und eine Konzentration auf die zentralen Vollzüge des christlichen Lebens: Persönliche Nachfolge, Nächstenliebe und Evangelisierung. Ob dieser Impuls als Alternative oder als Zielbild für die Kirche heute fruchtbar werden kann, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Wahrscheinlich wird etwa in Deutschland erst der sich andeutende „crash of structures“ und der damit verordnete organisatorische Schrumpfungsprozess weiter voranschreiten müssen, um ein evangelisierendes Charisma neu zu fördern. In der Zwischenzeit wäre es allerdings wichtig, in den Pfarreien, der Caritas, den Verbänden und Gruppen die persönliche Auseinandersetzung mit der Substanz des Christlichen weiter zu fördern. Die Arbeit an einer glaubenszentrierten Predigt und Verkündigung, an einer caritativen Ausrichtung, an der Förderung christlicher Gemeinschaftlichkeit und an der individuellen Glaubenspraxis ist nicht weiter dispensierbar. Die Zukunft des Christentums ist nicht die des strukturellen Designs, sondern seiner inneren Sinnhaftigkeit.


[1] Gregor der Große, Kommentar zum Hohelied, in: Das Hohelied, Einsiedeln 1987, 123f.

[2] Huysmans, Die Kathedrale, München 2009 (original Paris 1898).

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