Weltfremd und inhaltsleer? -Über den schwierigen Weg der Kirche, Teil 1

Es ist leicht, der katholischen Kirche vorzuwerfen, sie sei weltfremd. Lang ist die Liste der Versäumnisse, die anlässlich des Synodalen Weges erstellt wurde. Wie soll es einer Kirche gelingen, die hinter den Entwicklungen ihrer Zeit herläuft, sich in dieser Zeit zu beheimaten? Zeitgenossenschaft wird als Modernität zum Ausweis der Attraktivität des Glaubens in unserer Zeit. Nur eine moderne Kirche ist glaubhaft. Ich möchte nicht an der Ernsthaftigkeit solcher Reformbemühungen zweifeln. Ich erlebe selbst doch den Abgrund, der in Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Verteilung von Macht und Einfluss, der kirchlichen Morallehre und des Kirchenrechtes zwischen weltlichem und kirchlichem Gedankengut klafft. Ich kenne die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst nur zu gut, das die „Zeichen der Zeit“ zu einem „locus theologicus“ erklärte und die Kirche auffordert, sich selbst beständig auf ihren eigenen geschichtlichen Kontext hin zu hinterfragen. Der Wandel, die Reform soll eine dauernde Begleiterscheinung des Weges des „Volkes Gottes“ durch die Zeit sein. Das Ziel des Konzils, das aus der Phase einer gewissen Erstarrung kirchlicher Riten, Theologie, Frömmigkeit und Gesetze heraus sprach, war dabei klar definiert: Die Verkündigung des Glaubens sollte sich durch die eigene Unbeweglichkeit hindurch wieder verlebendigen, der Kern des Christlichen unter den veränderten Bedingungen der Zeit wieder neu freigelegt werden. Papst Franziskus insbesondere mahnt genau diese Bewegung immer wieder neu an, wenn er von der vordringlichen Notwendigkeit zur Evangelisierung spricht. Sein Bild ist dabei das einer dienenden Kirche, die sich für das Anliegen der Verkündigung und der Nächstenliebe aufopfert und bereit ist, sekundäre Fragen von Strukturen, Gesetzen und Verordnungen hintanzustellen, vor allem aber „unevangelischen“ Lebensweisen den Kampf ansagt.

Es mag sein, dass wir uns, zumindest in der westlichen Welt in einer Situation befinden, in der ein tiefer Einschnitt der Reform notwendig ist. Zu dieser wird die Kirche in Westeuropa ohnehin getrieben, da ihr neben dem zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutungsschwund auch die finanziellen Mittel, vor allem aber die Menschen ausgehen. Es gibt daraus resultierend eine Menge von Reformbemühungen. Bei näherem Hinsehen allerdings muss man doch zugeben, dass die Bemühungen zu mehr Evangelisierung dabei in der Wahrnehmung der meisten Katholiken eine untergeordnete Rolle spielen. Die viel diskutierten Fragen um Pfarreizusammenlegungen, Immobilienkonzepte, Leitungsmodelle, Gremienstrukturen oder Sparprogramme der Diözesen haben zunächst das Ziel, den radikalen Schrumpfungsprozess zu verwalten und erträglich zu machen. Wir versuchen, das gut geknüpfte Netz aus alten Zeiten so weit zu dehnen wie es geht und nehmen dabei Rissstellen in Kauf. Eine Kirche ohne Pfarreien, Generalvikariate, Bildungseinrichtungen oder Wohlfahrtsverbände können wir uns offenbar nicht vorstellen, dafür aber mittlerweile sehr wohl eine Kirche ohne Priesteramt, ohne Katechese, ohne Theologie oder sogar ohne Sakramente. Zumindest werden hierfür eifrig Alternativen entwickelt, während über die Alternative zum Generalvikariat oder zur Pfarrei eher selten diskutiert wird.

Die Corona-Krise hat diese Schwierigkeit noch einmal sichtbar gemacht. Meiner Wahrnehmung nach führte der plötzliche Stillstand des gewohnten kirchlichen Lebens zu einer großen Verunsicherung. Die Frage, wozu die Kirche eigentlich gut sei, stand plötzlich offen im Raum. Die Krise im Sinne einer „Zeit der Unterscheidung“ habe ich als durchaus hilfreich erlebt. Sie offenbarte zugleich die Armut und den Reichtum christlichen Lebens. Die Frage, worauf ich verzichten kann und worauf nicht, betraf nicht nur Pfarrer, hauptamtliche MitarbeiterInnen oder die kirchliche Verwaltung, sondern wahrscheinlich alle, die sich kirchlich einbringen. Was mache ich, wenn ich keinen Gottesdienst besuchen kann, wenn sich meine Gruppe oder mein Chor nicht trifft, wenn es keine Gemeindefeste oder Ferienfreizeiten gibt, wenn Gremiensitzungen wegfallen oder nur behelfsmäßig stattfinden? Für eine solche Situation gab es keinen Plan. Das ist kein Vorwurf, vielmehr die Beschreibung eines Symptoms. Bis in die 50er Jahre hinein hätte die Kirche auf eine solche Krise wahrscheinlich mit ihren bewährten traditionellen Mitteln reagiert. Sie hätte zu Bittnovenen und Prozessionen aufgerufen, die Zahl der Eucharistiefeiern vermehrt, die Fürsorge für Kranke und Arme mit all ihren Möglichkeiten verstärkt. Gegen die Krise wäre man auf geistliche Weise angegangen. Ein solches unmodernes Verhalten zeigte sich in Ansätzen auch in der Zeit des Lockdowns. Priester feierten für sich und teilweise per live-Übertragung die Heilige Messe, es gab z.B. in Italien einsame Sakramentsprozessionen, Angebote zum Empfang der Eucharistie, Beichten am Telefon, auch spontane Hilfsaktionen von Pfarreien und der Caritas. Allerdings gab es über all dies auch kontroverse Diskussionen. Sollte etwa mit altertümlichen Mitteln hier wieder ein traditionelles Kirchenbild vermittelt werden? Neben den ideologischen Fragen stand das entschiedene Handeln der Bistümer, die sich bemühten, den Infektionsschutz möglichst vorbildlich und schnell umzusetzen. Der große öffentliche Aufschrei zum Ausfall des Osterfestes blieb aus. Das entschiedene Handeln der Bistümer gilt in der Öffentlichkeit und der Politik vielfach als vorbildlich. Zumindest unterstützte es aktiv die Bemühungen der Gesellschaft um eine möglichst rasche Eindämmung der Neuinfektionen. Wahrscheinlich war dies auch das Gebot der Stunde. Vielleicht ist man in einigen Maßnahmen zu weit gegangen. Es ist nicht meine Absicht, die getroffenen Maßnahmen zu kritisieren. Sie eröffneten vielmehr ein Versuchsfeld und offenbarten die Schwächen, zum Teil auch die Stärken des heutigen Kirchenwesens.

In diesem Zusammenhang geht mir die Äußerung eines Gemeindemitglieds nach. Nachdem im Gottesdienst wieder einmal Veränderungen in den Corona-Schutzverordnungen bekannt gegeben wurde und die versammelte Gemeinde mit großer Dringlichkeit ermahnt wurde, die neuen Regeln zu befolgen, sagte mir ein sehr engagierter Herr, der den Gottesdienst besucht hatte, dass er sich über die beständige Regelflut nur noch ärgern könne. Wenn früher Ermahnungen und Ordnungen in der Kirche bekannt gegeben worden seien, habe es sich um Dinge des kirchlichen Lebens gehandelt, etwa die Ermahnung zur Beichte, die Fastenordnung, das Sonntagsgebot oder die dringliche Aufforderung zur Unterstützung von Menschen in Notlagen. Ihm komme es so vor, als kompensiere man die eigene Laschheit in Glaubens- und Moralfragen nun durch eine unerbittliche Strenge in Fragen der Verwaltung. Die Leitung der Glaubenden hätte sich somit vom geistlichen auf den bürokratischen Sektor verlagert. Ich will diese Aussage nicht allen Einzelheiten teilen. Die Grundbeobachtung allerdings schien mir richtig zu sein. In der Tat erlebe ich überwiegend ein hohes Engagement bei Diskussionen über Strukturen, Regelungen, oder Finanzen, während über theologische Fragen, gar über moraltheologische kaum gestritten wird. Es scheint als habe man auch innerkirchlich einen gewissen Konsens darin gefunden, Menschen in ihren persönlichen Glaubens- und Lebensvorstellungen nicht mehr hereinreden zu wollen. Dabei übersieht man allerdings, dass eine solche Haltung die Gefahr mit sich bringt, dass zentrale Glaubensfragen gar nicht behandelt oder diskutiert werden. Die Kirche wird zunehmend inhaltsleer, ihre Zukunft in der öffentlichen Diskussion an der Existenz und Veränderung von Strukturen festgemacht. In diesem Sinn ist die Kirche also sogar ganz modern geworden, indem sie den gesellschaftlichen Megatrend zur Individualisierung bereits mitgeht.

Der beständige Ruf nach Modernisierung und „Weltkompetenz“ der katholischen Kirche ist bei allem positiven Engagement, das mit ihm verbunden ist zugleich problematisch. Die biblische Botschaft, die hier nicht verschwiegen werden sollte, ist von einer ständigen kritischen (d.h. unterscheidenden) Haltung im Verhältnis des Glaubens und des Gottesvolkes zur „Welt“, also zur profanen und anders religiös geprägten Umwelt Israels und der frühen christlichen Gemeinden geprägt. Als Jesus im Matthäusevangelium Petrus schroff zurückweist, macht er ihm den Vorwurf, er verfolge nicht das, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Mt 16,23). Damit stellt sich Jesus in die lange prophetische Tradition Israels. Die Propheten verstehen sich als Korrektiv zu ihren Zeitgenossen, die ihrer Ansicht nach zu viele Kompromisse mit den Einflüssen, Denkmustern und Verhältnissen ihrer Umwelt eingegangen sind und den Glauben an Gott und sein Gebot darüber vernachlässigen. Die religiösen Bewegungen der Jesus-Zeit verstanden sich als Gegenentwürfe zu einem religiös und moralisch verweichlichtem, sowie politisch allzu kompromissbereiten Judentum in der Zeit der Hellenisierung und der römischen Besatzung. Die frühen christlichen Schriften des Neuen Testaments, die Apostelgeschichte, die Briefe und die Offenbarung des Johannes sind voller Warnungen vor einer zeitgemäßen Anpassung an gesellschaftliche Muster ihrer Umwelt. Das Christentum verstand sich in der Tradition des Judentums als „Gegenentwurf“ zur profanen Umwelt. Die Spannungen zwischen „Gott“ und „Welt“ begleiten Juden und Christen beständig. Es ist daher nicht erstaunlich, dass Kritiker der Kirche genau die Dinge vorhalten, in denen sie eine zu große Angleichung an die Welt erkennen, etwa in der Herausbildung von weltlichen Machtstrukturen, einer Zentralisierung der Organisation, einer Beeinflussung der Liturgie durch römische und byzantinische Profanriten, oder in der Übernahme zeitbedingter moralischer Überzeugungen. Die Weltlichkeit der Kirche wird als beständiges Problem identifiziert. Zugleich lässt sich aber eine gewisse „Weltlichkeit“ kaum vermeiden, da jede Phase der Kirchengeschichte zugleich auch eine neue Unterscheidung zu einer zeitgemäßen Sozialgestalt provoziert. Ein „reines“ Christentum hat es nie gegeben. Die beschriebene Spannung bleibt also auch in der heutigen Diskussion erhalten, so dass sehr sorgfältig abgewogen werden muss, welche „weltlichen“ Überzeugungen und Einflüsse mit der christlichen Botschaft übereinstimmen können und welche nicht. Zugleich birgt jede Verbindung mit weltlichem Denken und Handeln das Risiko, im Nachhinein als Irrtum klassifiziert zu werden. Es ist genau diese Schwierigkeit, die kirchliche Reformen so zäh machen und im letzten dazu führen, dass die Kirche immer der „Zeit“ hintergehen wird. Ebensowenig wie ein „reines“ hat es ein komplett „zeitkonformes“ Christentum wahrscheinlich nie gegeben.

2 Kommentare zu „Weltfremd und inhaltsleer? -Über den schwierigen Weg der Kirche, Teil 1

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