Der Schutzpatron des Internets – Heilige für das 21. Jahrhundert

Im Februar 2002 kündete der Präfekt des Päpstlichen Medienrates, Erzbischof John Foley, einen Wettbewerb an, der für nichtkatholische Ohren merkwürdig klingen wird. Der Rat beschäftigte sich mit der Frage, welcher Heilige künftig als Patron des Internets gelten solle. Unter mehreren Vorschlägen sollte in einem langen Verfahren ein geeigneter Heiliger gewählt werden. Die Kandidaten waren u.a. Isidor von Sevilla, weil dieser einer der ersten christlichen Enzyklopädisten gewesen ist und Maximilian Kolbe, der lange Jahre in der christlichen Medienarbeit tätig gewesen war.[1] Die Zuschreibung bestimmter „Zuständigkeiten“ einzelner Heiliger hat in der katholischen Kirche eine lange Tradition. Oft waren dafür biographische Begebenheiten oder Legenden im Leben der jeweiligen Heiligen ausschlaggebend, manchmal stellte sich im volkstümlichen Glauben eine Anrufung bestimmter Heiliger in einem besonderen Anliegen auch einfach ein. Das ganz päpstlich-offiziell Schutzpatrone ausgewählt werden, dürfte ein neueres Phänomen sein. Es ist der Versuch, die traditionelle Heiligenverehrung in die moderne Zeit hinein zu verlängern und so neuere Phänomene wie das Fernsehen (Klara von Assisi), das Autofahren (Franziska von Rom) oder die Ernährungswissenschaft (Michael Paknanas) in den katholischen Kosmos zu integrieren. Dies ist auf der einen Seite ein wertvolles Anliegen, da etablierte Entwicklungen der Moderne als positive Beiträge zur heutigen Welt kirchlich gewürdigt werden. Zugleich stellt sich die Frage nach einer zeitgemäßen Heiligenverehrung, die in den Augen der weltlichen Betrachter nicht bloß ein Kuriosum sein möchte.

Im Falle des Internets haben die 2002 benannten Kandidaten mittlerweile Konkurrenz bekommen. Am 5. Juli 2018 sprach Papst Franziskus den 2006 in Monza verstorbenen Jugendlichen Carlo Acutis selig. Er ist vielleicht der erste seliggesprochene „digital native“. Carlo wurde 1991 in London als Sohn italienischer Eltern geboren. Seine Biografie nennt zwei entscheidende Interessen, den Glauben, insbesondere die Eucharistie, und das Internet. Offensichtlich hatte er ein großes Talent im Umgang mit der digitalen Welt. Eine 2018 erschienene Biografie trägt den Titel „Ein Genie der Informatik im Himmel“[2] . Acutis programmierte Webseiten und erstellte Filme. Auf der Jugendsynode von 2018 wurde sein Beispiel in besonderer Weise gewürdigt, gerade weil er eine Lebenswelt teilte, in der heute Millionen von Jugendlichen zu Hause sind. „Vatican News“ schreibt in einem Portrait über Carlo Acutis: „Dank der sozialen Netzwerke von denen er profitierte, zeigte er allen, dass man diese Hilfsmittel zum Wohl der Gemeinschaft und des persönlichen Wachstums nutzen kann. Hier ist sein Geheimnis: Jedes Medium ist nützlich, um der Welt das Heil zu verkünden. Es bleibt uns nichts anderes, als auf ihn zu schauen als ein Vorbild für neue Generationen, die eine bessere Zukunft im Licht Christi und seiner Kirche schaffen möchten.“[3] Was war geschehen? Ausschlaggebend für eine Seligsprechung sind weniger die Tatsache der digitalen Fähigkeiten, oder der frühe Tod (Carlo Acutis starb an Leukämie), als vielmehr der intensive Glaube oder das „heiligmäßige“ Leben. Offenbar war Carlo bereits als Kind von einer außerordentlichen Frömmigkeit geprägt, die sich im täglichen Besuch der Heiligen Messe zeigte. Der Wikipedia-Eintrag nennt darüber hinaus eine große Marienverehrung, die sich im täglichen Gebet des Rosenkranzes ausdrückte. Carlo Acutis hatte eine besondere Faszination für eucharistische Wunder.[4] An dieser Stelle kommen Internet und Frömmigkeit zusammen, denn Carlo Acutis stellte gerade über die eucharistischen Wunder Dokumentationen zusammen und verbreitete sie im Netz. Neben der Schule engagierte er sich außerdem als Katechet in der Pfarrgemeinde und arbeitet als Freiwilliger in der Obdachlosenspeisung mit.

Das Interessante ist, dass im Fall des neuen Seligen die Mittel der modernen Welt mit klassischen Markern einer Frömmigkeit zusammentreffen, die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhunderts populär war. Ungeachtet des sicherlich beeindruckenden Lebenszeugnisses eines überzeugten jungen Katholiken, stellt sich doch die Frage, nach welchen Maßstäben eine zeitgemäße Heiligkeit beurteilt werden kann. Die Heiligenverehrung hat unterschiedliche Facetten. Im Kern geht es um die persönliche Heiligkeit eines Menschen, der nach unseren Maßstäben durch seinen Glauben und sein Handeln so überzeugend ist, dass die Kirche annimmt, dass er oder sie die göttliche Vollendung erfahren hat, also, etwas volkstümlicher gesagt, „im Himmel bei Gott ist“. Zum anderen haben Heiligsprechungen immer auch einen exemplarischen Charakter. Ein Lebenszeugnis wird von der Kirche in der Heiligsprechung als Beispiel für einen christlichen Lebensstil öffentlich gewürdigt. Die Heiligen bieten den Gläubigen gewissermaßen eine Anregung für die Gestaltung ihres eigenen Lebens aus dem Glauben. Ist Carlo Acutis also ein moderner Heiliger? Auf der einen Seite ja, weil er äußerlich als ein relativ normaler, zeitgemäßer Jugendlicher aufwächst. Seine Mutter berichtete von den guten familiären und freundschaftlichen Beziehungen, von der ausufernden Kreativität ihres Sohnes und von seiner Leidenschaft für Fußball.[5]  Auf der anderen Seite steht seine traditionelle Frömmigkeit. Es ist nicht verwunderlich, dass es bereits Heiligenbilder im klassischen Stil von Carlo gibt, die ihn (zwar im roten Polohemd) im Stile von 1950 im Glanz eines göttlichen Strahlenkranzes zeigen. Es besteht die Gefahr, dass bestimmte Kreise sein Lebenszeugnis einer jungen Generation als Zeuge einer Frömmigkeit würdigen werden, die in erster Linie an der eucharistischen Verehrung und dem Rosenkranz orientiert ist. Unzweifelhaft sind diese Frömmigkeitsformen bedeutsam und bleibend wichtig. Die Frage an einen „modernen Heiligen“ mit exemplarischer Wirkung ist jedoch, wie „anknüpfungsfähig“ sein Glaubensleben für eine junge Generation tatsächlich ist.

Das Ringen, die moderne Welt mit einem zukunftsweisenden Glaubensleben zu verbinden, ist gerade für Jugendliche eine enorme Herausforderung. Wie kann ein Christ seinem Leben einen genuinen Ausdruck geben, der vom Glauben geprägt ist, zugleich aber nicht „gestrig“ erscheint? Hierfür fehlt es an wirklichen Beispielen, die einer jungen Generation vorgestellt werden können. Die Geschichte der Heiligenverehrung zeigt, dass einige der großen Glaubensgestalten ihrer Zeit voraus waren. Thomas von Aquin, der heute als Schutzpatron der Theologen verehrt wird, war wegen seiner Lehre zu Lebzeiten unter Beobachtung der Inquisition geraten. Ignatius von Loyola wurde wegen seiner geistlichen Übungen, die eine Personalisierung des Glaubensausdrucks förderten, äußerst kritisch beäugt. Theresa von Avila war auf eine Weise emanzipiert und eigenwillig, dass sie dem herkömmlichen Bild einer Ordensfrau nicht entsprach. Therese von Lisieux war in ihrem Denken ihrer Zeit weit voraus. Johannes XXIII galt vielen Zeitgenossen als ein unwürdiger Vertreter im Papstamt. Die Liste ließe sich ergänzen. Diese Heiligen haben gerade durch ihre Originalität und ihre „Modernität“ entscheidende Impulse gegeben. Ihr Leben ist Ausdruck einer persönlichen durchformten zeitgemäßen Frömmigkeit und Theologie, die für spätere Generationen stilbildend geworden ist. Auf einen im diesen Sinn zeitgemäßen Stil müssen wir scheinbar noch warten. Von Carlo Acutis ist ein schöner Satz überliefert: „Wir kommen alle als Originale auf die Welt, aber viele von uns sterben als Fotokopien“.[6] Die Ausprägung der eigenen Persönlichkeit, aber auch des eigenen christlichen Stils ist Ausweis eines Lebens, dass von Gott her als „Leben in Fülle“ bestimmt ist. Es wäre an den Heiligen des 21. Jahrhunderts, diese Hoffnung einer jungen Generation glaubhaft nahezubringen.  


[1] https://derstandard.at/877322/Vatikan-entscheidet-ueber-Schutzpatron-fuer-Internet-Kino-und-Medien

[2] http://www.libreriaeditricevaticana.va/content/libreriaeditricevaticana/en/novita-editoriali/un-genio-dell-informatica-in-cielo.pdf

[3] https://www.vaticannews.va/it/chiesa/news/2018-10/sinodo-giovani-2018-carlo-acutis.html

[4] Unter eucharistischen Wundern versteht man Begebenheiten, in denen die reale Präsenz Christi in den Gestalten der Eucharistie (Brot und Wein) sichtbar wird. So gibt es an verschiedenen Orten der Welt Berichte und Reliquien, nach denen etwa Blutstropfen aus den eucharistischen Gaben austraten oder sich die Hostie in ein Stück Fleisch verwandelte.

[5] https://milano.corriere.it/notizie/cronaca/16_novembre_23/carlo-genio-computersara-primo-beato-20-dd621f1c-b0f5-11e6-b55d-c69c2623ee72.shtml?refresh_ce-cp

[6] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/carlo-acutis-auf-der-suche-nach-der-autobahn-in-den-himmel

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