Papst Franziskus – theologische Grundlinien

Am 13. März 2013 wird der bisherige Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt und nimmt den Namen „Franziskus“ an. Seither erfreut sich seine Person eines ungebrochenen öffentlichen Interesses. In Deutschland fokussiert sich dieses schnell auf Stichworte wie „Kurienreform“ und „Pastoral der Barmherzigkeit“, außerdem auf den unkonventionellen Stil des Papstes. Man berichtet über seine symbolischen Handlungen wie die Fußwaschung am Gründonnerstag oder den Besuch auf Lampedusa und auf seine immer wieder eindrücklichen Predigten. Ein Papst, der die Kirche und ihre Vertreter scheinbar ständig kritisiert und laufend gegen vatikanische Gepflogenheiten verstößt, erregt zwangsläufig Aufmerksamkeit. Mittlerweile mehren sich aber auch die kritischen Stimmen: Wird Franziskus wirklich ein Reformpapst sein? Folgen seinen Ankündigungen auch konkrete Umsetzungen? Wird der Papst wirklich Lehre und Organisation verändern? Längst melden sich die mehr oder weniger kundigen Vaticanisti zu Wort, die den Papst in einem Machtkampf mit der Kurie sehen (ein Schema, das auch schon für Johannes XXXIII. oder Paul VI. gerne bemüht wurde). Auf der anderen Seite betonen vatikanische Insider, dass Franziskus in voller Kontinuität zu seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu sehen sei und ihre Tradition nahtlos fortsetze. Welche Deutung ist richtig? Anders gefragt „Wie denkt Papst Franziskus“? Was ist von seinem Pontifikat zu erwarten?

Jenseits der journalistischen Papst-Bestseller, der Sprüchekalender, Interviews und Zeitungsmeldungen fällt eines auf: Das weitgehende Schweigen der Theologen. Es gibt, zumindest im deutschsprachigen Raum, bislang nur wenige Veröffentlichungen, die sich abseits bestimmter aktueller Teilfragen mit der theologischen Hermeneutik, also mit der Erschließung der theologischen Grundlagen befassen, auf denen das Denken Jorge Bergoglios fußt. Es scheint, als herrsche hierzu eine gewisse Ratlosigkeit. Diese Ratlosigkeit hat Gründe:

Zum ersten ist vom Jesuitenpater und späteren Bischof Bergoglio nur wenig an theologischen Schriften bekannt. Im krassen Gegensatz zu seinem Vorgänger weist seine Vita keine einschlägige akademische Tätigkeit aus. Als Leiter des Jesuitenseminars und der Hochschule San Miguel in Buenos Aires veröffentlicht er in der hauseigenen Zeitschrift „Stromata“ nur einige wenige Artikel. Seine ab 1986 in Angriff genommene Promotionsschrift wird nie fertig gestellt und selbst von seinen Predigten und Ansprachen aus seiner Bischofszeit ist nur wenig schriftlich fixiert worden.

Der zweite Grund für die Ratlosigkeit liegt in der Unvertrautheit mit seinem argentinischen theologischen Umfeld. Während in Deutschland die Befreiungstheologie Südamerikas durch die Schriften Leonardo Boffs und Gustavo Gutierrez, durch Oscar Romero, Dom Helder Camara oder Ernesto Cardenal bekannt und intensiv diskutiert wird, bleibt der argentinische Zweig der sog. „teologia del pueblo“ eher unbekannt.

Zum dritten kommt hinzu, dass Papst Franziskus auch in seinen Lehrschreiben, in seinen unzähligen Ansprachen und Interviews eine für westeuropäische Traditionen ungewohnte ständige Vermischung der Inhalte und Genres vornimmt, so dass nur schwer zu unterscheiden ist, was in ihnen nun lehrhaften, was katechetischen, was verbindlichen und was unverbindlichen Charakter hat.

Wie also denkt Papst Franziskus? Während der Verfassung meiner Dissertation bin ich auf diese Frage aufmerksam geworden, als ich versuchte, das Kirchenbild des Papstes theologisch zu rekonstruieren. Dabei stieß ich auf die führenden Vertreter der argentinischen „teologia del pueblo“, außerdem auf die zentralen Dokumente der lateinamerkanischen Bischofsvollversammlungen. Von diesen Quellen her lässt sich meines Erachtens etwas mehr Licht in das attestierte Dunkel bringen. Im Rahmen dieses Beitrags möchte ich daher ein paar Grundeinsichten vorstellen, die ich während meiner Forschungsarbeit gewonnen habe. Ich gehe dazu in zwei Teilen vor. Zunächst möchte ich Sie mit ein paar Einsichten der „teologia del pueblo“ vertraut machen. Anschließend gehe ich dann auf ein paar Grundlinien im theologischen Denken des aktuellen Papstes ein. Die Frage: „Wie denkt Franziskus“ kann natürlich im Letzten nur von Franziskus selbst beantwortet werden. Aber ich hoffe, zumindest ein paar Anregungen zum besseren Verständnis des Papstes geben zu können.

  1. Teologia del pueblo – einige Grundeinsichten

Auf der Suche nach prägenden theologischen Einflüssen verweist die lesenswerte Papst-Biografie von Daniel Deckers auf drei argentinische Persönlichkeiten, denen sich Jorge Bergoglio offensichtlich sehr verbunden weiß: Lucio Gera, einer der Gründergestalten der Theologie der Befreiung gilt auch als Vater der „teologia del pueblo“, ihrer spezifisch argentinischen Ausprägung. Gera wird von Kardinal Bergoglio der Ehrentitel „Maestro de teologia“ zugesprochen. Mit Rafael Tello trifft Bergoglio das erste Mal bei einem Glaubenskurs für Jugendliche zusammen. Tello ist zu dieser Zeit geistlicher Begleiter der „katholischen studierenden Jugend“ und wird 1958 Professor an der theologischen Fakultät in Buenos Aires. Er legt im Streit mit dem damaligen Erzbischof sein Priesteramt und seine Lehrtätigkeit nieder und entwickelt als Privatmann die Ansätze der „teologia del pueblo“ weiter. Bergoglio setzt sich als Bischof für seine Rehabilitierung ein und trifft mit Tello wahrscheinlicher häufiger zu privaten Gesprächen zusammen. Eine langjährige Freundschaft verbindet Bergoglio mit dem Philosophen und Ordensmitbruder Juan Carlos Scannone. Gemeinsam arbeiten sie in San Miguel. Einige weitgehende thematische Verwandtschaften zwischen den Schriften Scannones und denen des Papstes lassen einen engen inhaltlichen Austausch zwischen beiden vermuten.

Der Grundansatz der „teologia del pueblo“ wird von Lucio Gera entwickelt. In Geras Verständnis ist die Theologie keine rein spekulative Wissenschaft. Sie ist immer an einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit gebunden und hat zuerst einen pastoralen Zweck: Wie kann die christliche Botschaft in ihrem jeweiligen Lebenskontext, im Leben des „Volkes“ vermittelt werden und welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus? Dabei geht die Theologie nicht von philosophisch-universalen Prinzipien aus, sondern setzt bei der Wahrnehmung und Reflexion der Situation an, in die der Theologe gestellt ist. Eine gelingende Pastoral setzt bei den konkreten Gegebenheiten an. Wie Walter Kasper deutlich macht, unterscheidet sich die Befreiungstheologie insgesamt von einer Theologie europäischer Prägung durch diesen Grundzug. Eine, auch durch die Erfahrung der kolonialen Vergangenheit vorgeprägte Abneigung gegen ein „reines“ Denken, in dem sich die Theologie von der Philosophie, also theoretisch entwickelt ist für den lateinamerikanischen Ansatz durchgängig prägend. Theologie entsteht immer vor dem Hintergrund der Erfahrung des konkreten Lebenskontextes und des gelebten Glaubens. Theologie ist nie Selbstzweck, sondern dient der praktischen Anwendung. Ziel des kirchlichen Handelns ist die evangelisierende und sozial tätige, wie auch gesellschaftsverändernde Praxis der Kirche und der einzelnen Christen. Auch bei Gera steht am Beginn die Wahrnehmung der konkreten Lebens- und Glaubenswirklichkeit. Für letztere steht bei Gera vor allem die etablierte „Volksreligiösität“. Die Reflexion des Wahrgenommenen mündet in der Unterscheidung („discernimento“) der ihm inhärenten Werte und Defizite. Die immer neuen Herausforderungen, denen sich die Kirche im Laufe der Zeit stellen muss, fordern ihre Kreativität und Bereitschaft zur Veränderung heraus, ohne jedoch deswegen den Kern des Glaubens und die eigene Tradition zu vergessen. Der Glaube ist erste Norm im Prozess der Unterscheidung und Bewertung der Volksreligiosität. Dazu sind nicht nur die im engeren Sinn religiösen Handlungen zu beobachten, sondern ebenso ihre Verbindung zum täglichen Leben in allen seinen Facetten. Dazu ist es nötig, das Volk nicht bloß zu beobachten, sondern seinen Lebensstil zu teilen. Es braucht eine „affektive Identifikation“, die ein wirkliches Verstehen erst möglich macht.

Damit ist ein entscheidendes Stichwort, nämlich „Volksreligiösität“ oder auch „Volksweisheit bereits genannt. Juan Carlos Scannone geht in seinen Überlegungen von der Kategorie der „Kultur“ aus. Die Kultur ist die Grundlage auf der die christliche Botschaft verstanden und gelebt wird. Die Kultur des Menschen, also seine Werte, Überzeugungen und seine Art zu Leben und die Gemeinschaft zu organisieren, hat eine geschichtliche und eine gesellschaftliche Seite. Für Lateinamerika bedeutet dies nach Scannone und Tello, dass sich seine Kultur aus der Vermischung der indigenen Bevölkerungen mit ihren kulturellen Werten und der Kultur der europäischen Eroberer und Einwanderer herausgebildet hat. Darin unterscheidet sich Lateinamerika von anderen Kulturräumen. Als spezifisch lateinamerikanisch kennzeichnet Scannone etwa ein tief verwurzeltes Empfinden für die Natur, eine Ehrfurcht vor dem Heiligen und einen ausgeprägten Familien- und Gemeinschaftssinn. Dieser häufig unbewussten kulturellen Verwurzelung entspringen bestimmte allgemein geteilte Werte, kulturelle Praktiken, Narrative und eine Art natürliche Religiosität. Dieses kann als „Volksweisheit“ bezeichnet werden. Der christliche Glaube verbindet sich in Lateinamerika organisch mit der kulturellen Vorprägung. Gerade das einfache Volk nimmt die Elemente des Glaubens besonders auf, die seiner kulturellen Vorprägung entsprechen. Die Volksreligiösität, in der sich z.B. die Vorstellung der mütterlichen Erde mit einer ausgeprägten Marienverehrung verbindet, bezeugt den lebendigen christlichen Glauben. Die Aufgabe der Theologie und der Kirche besteht darin, die gelebte und erlebte Weisheit des Volkes mit der Botschaft der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition organisch zu verbinden. Sie hilft dabei, das vorreflexiv Gewusste christlich zu reflektieren und bewusst zu machen. In einem Zirkel stellt zudem die Volksweisheit die kirchliche Verkündigung immer wieder in Frage, so dass die Evangelisierung nicht ein Prozess von oben ist, im Sinne einer Wissensvermittlung, sondern ein Prozess des gegenseitigen Hörens, Reflektierens und Praktizierens. Nun ist allerdings die „Volksweisheit“ bedroht. Scannone, aber auch Tello unterscheiden zwischen denen, die die kulturelle Identität des Volkes bewahren und denen, die sie von außen zerstören wollen. Sie unterscheiden zwischen „pueblo“ und „anti-pueblo“. Zerstörerisch sind demnach für Südamerika alle Tendenzen, die das natürliche Verhältnis zu Schöpfung, Religion und Gemeinschaft angreifen. Dazu gehören ein enthemmter Kapitalismus und Konsum, Individualismus, Umweltzerstörung, Ausbeutung oder ein Gedankengut, das die familiäre und solidarische Gemeinschaft in Frage stellt. Gegen diese Tendenzen gilt, die kulturelle Einheit zu verteidigen und zu bewahren.

Der Kampf um Befreiung ist für Rafael Tello damit im Kern ein Kampf um die Werte einer originären Kultur des Volkes.  Nur in ihr findet der lateinamerikanische Christ seinen angestammten Ort. Eine wirkliche Evangelisierung unter den Vorzeichen der „modernen Kultur“, die den Kontakt zum Volk und seinen Werten verloren hat, ist ausgeschlossen. Ebenfalls kritisch sieht Tello zudem die von ihm so genannte „kirchliche Kultur“, die Schaffung kirchlicher Binnenräume. Das zentrale Anliegen der Evangelisierung beschränkt sich in ihnen auf die eigene Klientel. Damit ist ein dritter zentraler Aspekt der „argentinischen Schule“ genannt. Es geht ihr immer um die Evangelisierung der gesamten Kultur, des gesamten Volkes, nicht um ein innerkirchliches Projekt.

Für die Evangelisierung gibt es für Tello grundsätzlich drei Kräfte oder Prinzipien. Zum einen wirkt das Prinzip, dass „das Volk das Volk evangelisiert“. Durch die Weitergabe des inkulturierten Glaubens an die kommenden Generationen entsteht eine basisorientierte „Selbstevangelisierung“, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und verändern kann. Als zweites Prinzip versteht Tello, dass „die Kirche das Volk evangelisiert“. In dieser Handlungsweise geht die evangelisierende Aktivität von der Kirche aus und trifft auf das Volk als „Empfänger“. Im dritten Prinzip hilft die „Kirche dem Volk bei der Evangelisierung“. Die Kirche orientiert sich dabei an den vorhandenen religiösen Ressourcen des Volkes und unterstützt es im Vollzug der „Selbstevangelisierung“.  Die Rolle der Kirche liegt also darin, an der Seite des Volkes und von ihm lernend, ihm im Prozess der Evangelisierung durch Reflexion, christliche Gemeinschaft und theologische Vermittlung hilfreich zur Seite zu stehen.  Die „Volkspastoral“ entsteht aus einem intensiven Kontakt und einer vorbehaltlosen Zuwendung zu den Menschen in ihrer konkreten Situation.  Da das Werk der Evangelisierung kulturabhängig ist, muss die Kirche als universale Größe auf die jeweiligen Kulturen Rücksicht nehmen. Sie verfehlt sich, wenn sie ein bestimmtes kulturelles Modell zum Maßstab für alle anderen nimmt.

Der Ansatz der argentinischen „teologia del pueblo“ mit ihren Stichworten „Kultur“, „Evangelisierung“ und „Volksweisheit“ prägt das Abschlussdokument der lateinamerikanischen Bischofsversammlung von Aparecida im Jahr 2007. Hauptredakteur des Textes ist Jorge Mario Bergoglio. Das Dokument von Aparecida bildet die Blaupause für das spätere Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ und für Teile der Enzyklika „Laudato sii“. Damit sind wir bei Papst Franziskus.

  1. Papst Franziskus

Ich möchte, ausgehend von der „argentinischen Schule“ auf drei charakteristische Merkmale des Denkens von Papst Franziskus hinweisen. Zugleich möchte ich auf einige Missverständnisse aufmerksam machen, die bei der Übertragung des lateinamerikanischen Ansatzes in den europäischen Kontext auftreten können.

Der erste Punkt betrifft die Idee der „Volksweisheit“. Als Franziskus nach seiner Wahl auf der Loggia seine ersten Worte an die versammelte Menge auf dem Petersplatz richtet, vollzieht er eine vielbeachtete Geste. Bevor er als Bischof das Volk segnet, lässt er sich vom versammelten Volk segnen. Diese Geste betont nicht nur die Gemeinschaft des Bischofs mit dem Volk sondern hat auch eine weitere Aussage. Es geht Franziskus um ein gegenseitiges Lernen des Bischofs vom Volk und des Volkes vom Bischof. Im Sinne der „Volksweisheit“ ist der gelebte Glaube des Volkes Erkenntnisquelle für die Theologie und somit auch für den „Hirtendienst“ der Bischöfe und Priester. Dies hat jedoch, und dies scheint mir ein weitverbreitetes Missverständnis zu sein, nichts mit einer westlichen Auffassung von „Demokratie“ zu tun. Es geht gerade nicht um die in Wahlen, Abstimmungen und soziologischen Erhebungen zu bestimmenden aktuellen Meinungen und Positionen der Glaubenden, denen sich dann Theologie und Lehramt anpassen. Vielmehr geht es um die originären Inhalte einer christlichen Kultur. Die „teologia del pueblo“ vertraut darauf, dass die Menschen intuitiv die wahren kulturellen Werte erfassen und leben. Aus ihnen soll sich so etwas wie eine natürliche Theologie ergeben. Zur Erinnerung: Die argentinische Schule unterscheidet zwischen einer natürlichen Kultur und einer feindlichen Gegenkultur. Papst Franziskus steht genau in dieser Linie. Er hat auf der einen Seite Respekt und Hochachtung vor dem gelebten Leben und der gelebten Religiösität der Gläubigen, auf der anderen Seite greift er die Zeichen der „Gegenkultur“ scharf an. Dies ist in fast allen seinen Schriften zu finden. Die Kritik am Kapitalismus, an der Umweltzerstörung, an der Entsolidarisierung der Gesellschaft, an Konsum und Individualisierung gehören genau in diese Richtung, ebenso übrigens, wie seine Kritik an der Gender-Philosophie, für die er in Deutschland so viel Unverständnis geerntet hat. Die zentrale Aufgabe der Kirche sieht er darin, in der Unterscheidung von Kultur und Gegenkultur Position zu beziehen. Besonders scharf kritisiert er daher die leitenden Organe und Personen der Kirche, wenn sie sich seiner Meinung nach zu sehr der feindlichen Gegenkultur angepasst haben und sich etwa zu sehr um die eigene Freizeit, die klerikale Absetzung von den normalen Gläubigen, um Macht oder Konsum sorgen.

In seiner Rede vor dem Europaparlament macht er die kulturelle Frage an einem Beispiel besonders deutlich: Die „Schule von Athen“, das berühmte Fresko Raffaels in den Vatikanischen Museen, zeigt in der Bildmitte den in den Himmel weisenden Platon und den auf die Erde zeigenden Aristoteles. Aristoteles steht für die Betrachtung der irdischen Wirklichkeit, Platon für die menschliche Fähigkeit zur Transzendenz. Die Wirklichkeit muss im Licht der menschlichen Transzendenz gedeutet werden, um nicht in eine falsche und schädliche Eigendynamik zu verfallen. „Von der transzendenten Würde des Menschen zu sprechen, bedeutet also, sich auf seine Natur zu berufen, auf seine angeborene Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, auf jenen ‚Kompass‘, der in unsere Herzen eingeschrieben ist und den Gott dem geschaffenen Universum eingeprägt hat.“ Von Gott her ist der Mensch befähigt, zu erkennen, wie eine dem Menschen gerecht werdende, gute Kultur beschaffen sein muss. Europa, so lässt sich der Papst verstehen, läuft Gefahr, seine ursprüngliche kulturelle Prägung an den Ungeist einer Gegenkultur zu verlieren. Damit setzt er im Grund die kritische Beurteilung der europäischen Entwicklung fort, die auch für seine Vorgänger prägend gewesen ist.

Der zweite Punkt betrifft den auffälligen pastoralen Zug in der Verkündigung des Papstes. In vielen Kontroversfragen, ob es um Verhütung, Homosexualität oder wiederverheiratet Geschiedene geht, äußert sich der Papst nie mit einem klaren „nein“ oder „ja“, sondern geht immer von der konkreten Situation aus und deutet dann an, dass es in dem ein oder anderen Fall Ausnahmen von der Regel geben kann. Wie zuletzt der Brandbrief von vier Kardinälen zur Auslegung von „Amoris laetita“ gezeigt hat, wird dieses Verhalten so gedeutet, als wolle der Papst die Lehre der Kirche verändern. Wie weiter gemutmaßt wird, traue er sich nur aus irgendwelchen Gründen noch nicht, klare Regelungen zu treffen. Ich vermute, auch dies ist ein Missverständnis. Einer der Grundsätze der „argentinischen Schule“ ist das Zusammenwirken von Pastoral und Lehre. Es geht dabei um zwei Prinzipien:

  1. a) Das konkrete Leben kann durch die Eindeutigkeit kirchlicher Regelungen nicht in allen Facetten erfasst werden. Denen, die sich in guter deutscher Tradition Eindeutigkeit wünschen, weicht der Papst immer wieder mit Hinweis auf den Graubereich der konkreten pastoralen Fragen aus. Es kann also sein, dass bestimmte Situationen durch Regeln allein nicht beantwortet werden können. Gerade das pastorale Fingerspitzengefühl gestattet es daher dem Seelsorger, im Sinne der Förderung der Evangelisierung auf die strikte Anwendung theologischer Grundsätze und Regeln zu verzichten. Dies bedeutet aber noch nicht, dass diese deswegen außer Kraft gesetzt sind.
  2. b) Der Papst verweist auf die Hierarchie der Wahrheiten. Das ganze Tun der Kirche ist dem Ziel der gelingenden Evangelisierung unterzuordnen. Damit der Glaube wachsen kann, können andere Fragen der Moral oder des Rechtes in Zweifelsfällen zurückstehen.

Der dritte Punkt betrifft den Komplex „Reform“. Eine Reform der Kurie und mehr Spielraum für die lokalen Bischöfe und Bischofskonferenzen gehört in Deutschland zum Stammrepertoire liberaler Kirchenkritik. Es geht dem Papst aber, so glaube ich, nicht in erster Linie um eine Neuverteilung von Macht und Einfluss. Sein Bestreben dürfte mehr mit der Frage der Kultur zusammenhängen. Wie gesehen gehört es zu den Grundideen der „teologia del pueblo“, dass die jeweilige Kultur, oder auch der Kulturraum, das Dispositiv, also die Grundbedingung ist, auf der sich die Evangelisierung ereignet. Es geht nicht darum, einzelne Gläubige christlich zu prägen, sondern ganze Völker und Kulturen. Deshalb ist die Glaubensvermittlung nur im Zusammenspiel von Kultur, „Volksreligiösität“, Pastoral, Theologie und kirchlicher Praxis wirksam möglich. Die Reform der Kirche hat nur ein Ziel: „dass alle missionarischer werden“, wie es der Papst in „Evangelii gaudium“ sagt. Um dies zu erreichen, ist es mit Blick auf die Gesamtkirche vor allem wichtig, dass die Pluralität der Kulturräume zum Tragen kommt. In einem wissenschaftlichen Artikel von 1984 setzt sich Jorge Bergoglio mit dieser Frage auseinander. Es gilt für ihn, die Extreme einer toten Einheitlichkeit, wie auch eines enthemmten Pluralismus zu vermeiden. Es lässt sich für ihn sagen, dass auch die inkarnierte Wahrheit Christi unterschiedlich interpretierbar bleibt. Weil die göttliche Liebe unausschöpflich ist, braucht es bei einem „Maximum an Einheit“ in der Kirche zugleich ein „Maximum an Unterschiedlichkeiten“ ihrer Glieder. Die Wahrheit ist symphonisch. Es ist für Franziskus Werk des Heiligen Geistes, eine „Einheit in der Vielfalt“ zu ermöglichen. Das von ihm verwendete Bild für diese Art der Einheit ist das „Polyeder“. Es steht für den Beitrag möglichst vieler, mag dieser Beitrag auch unterschiedlich weit vom Zentrum der Wahrheit entfernt sein. Somit beinhaltet es auch die noch unvollkommenen Perspektiven, vor allem die der Armen, die ebenfalls ihren Beitrag leisten können. In der Lesart Scannones ist das Bild des Polyeders zugleich Ausdruck der weltkirchlichen Sicht des Papstes. Das eine Volk Gottes ist kulturell polyform.

Reform bedeutet für Franziskus somit in erster Linie, eine möglichst große Teilhabe zu ermöglichen. Das Bild einer Kirche ist für ihn partizipativ und evangelisierend. Es braucht den Beitrag aller Teile und Organe der Kirche. Ob Papst Franziskus unter diesen Voraussetzungen in der Lage ist, als Papst verbindliche Regelungen für die ganze Kirche verpflichtend vorzuschreiben, ist daher fraglich. Vermutlich möchte er es auch gar nicht. Sein theologisches Denken ist ein anderes, als das, was uns in Europa vertraut ist.

Hinweis: Der vorliegende Text gibt einen Vortrag wieder, den ich anlässlich der Verleihung des „PAX-Förderpreises“ in der katholischen Fakultät der Universität Bonn gehalten habe.

Der Verweis auf die Promotion bezieht sich auf: Georg Bergner, Volk Gottes, echter-Verlag, Würzburg 2018

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